Erstbemusterung Schritt für Schritt: Was in den Erstmusterprüfbericht gehört – und was sich gerade ändert
Die Serie läuft, die Maschine ist frei, der Kunde wartet – und dann fehlt noch der Erstmusterprüfbericht. Kaum ein Vorgang in der Fertigung bindet so viel Zeit bei so wenig Wertschöpfung wie die Erstbemusterung. Dieser Leitfaden zeigt, was wirklich hineingehört, wo die Zeit verloren geht und warum sich 2026 die Spielregeln verschieben.
Was eine Erstbemusterung ist – und wann sie fällig wird
Bei der Erstbemusterung weisen Sie Ihrem Kunden nach, dass Sie ein Teil unter Serienbedingungen in der vereinbarten Qualität herstellen können. Nicht ein Teil, das im Musterbau von Hand nachgearbeitet wurde – sondern eines aus dem Prozess, der später die Serie liefert. Genau das ist der Punkt, an dem viele Bemusterungen scheitern.
Fällig wird sie nicht nur beim Neuteil. Auch diese Anlässe lösen eine Bemusterung aus:
- Änderung an Konstruktion, Zeichnung oder Spezifikation
- Neues oder geändertes Fertigungsverfahren, neue Maschine, neues Werkzeug
- Verlagerung der Fertigung an einen anderen Standort
- Wechsel des Vormaterials oder eines Unterlieferanten
- Längere Produktionsunterbrechung – häufig ab zwölf Monaten
- Requalifikation in wiederkehrenden Abständen
Der letzte Punkt wird regelmäßig übersehen. Wer ein Teil seit Jahren störungsfrei liefert, denkt selten daran, dass der Vertrag eine wiederkehrende Requalifikation vorsieht – bis der Kunde danach fragt.
EMPB, PPF-Bericht, PPAP: drei Namen, eine Sache?
Im Alltag sagen alle „EMPB“. Formal ist der Begriff in der deutschen Automobilwelt allerdings abgelöst: Der VDA Band 2 spricht seit Langem von der Produktionsprozess- und Produktfreigabe (PPF) und entsprechend vom PPF-Bericht. Wer in einer Kundenanforderung „PPF-Bericht“ liest und nach einer EMPB-Vorlage sucht, sucht dasselbe Dokument.
Zwei Entwicklungen sollten Sie kennen, weil sie den Aufwand direkt betreffen:
Die Vorlagestufen sind weg. Mit der sechsten Auflage des VDA Band 2 (2020) wurden die früheren Vorlagestufen 0 bis 3 gestrichen. Stattdessen wird projektspezifisch vereinbart, welche Daten, Dokumente und Musterteile wann vorzulegen sind – über die „Abstimmung zum PPF-Verfahren“. Für Sie heißt das: Es gibt keinen Standardumfang mehr, den Sie blind abarbeiten können. Die Abstimmung vor der Bemusterung ist der eigentliche Arbeitsschritt.
Die siebte Auflage steht vor der Tür. Seit Januar 2026 liegt der VDA Band 2 als sogenannter Gelbband vor – als unverbindliche Empfehlung zur Kommentierung. Die Richtung: weg vom starren Dokumentenkatalog, hin zu einem risikobasierten PPF-Verfahren. Der Umfang richtet sich stärker danach, wie riskant Produkt und Änderung tatsächlich sind, bestehende Nachweise dürfen häufiger referenziert werden, und im Umgang mit Abweichungen gibt es mehr als nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“. Solange die finale Auflage nicht da ist, gilt weiterhin, was Sie mit Ihrem Kunden vereinbart haben – fragen Sie im Zweifel nach, auf welche Fassung er sich bezieht.
Liefern Sie an nordamerikanische Kunden, gilt stattdessen PPAP nach AIAG. Dort existieren die Vorlagestufen weiterhin: fünf Level, wobei Level 3 der Regelfall ist, und obenauf das Part Submission Warrant (PSW) als unterschriebene Erklärung. Inhaltlich überschneiden sich beide Verfahren stark – die Formulare tun es nicht.
Was in den Bericht gehört: die Kurzliste
Der genaue Umfang ist Verhandlungssache. In der Praxis fragen Kunden fast immer nach:
- Deckblatt mit Teilenummer, Zeichnungsstand, Änderungsindex und Anlass der Bemusterung
- Ballonierte Zeichnung – jedes Merkmal durchnummeriert
- Messprotokoll mit Ist-Werten zu jedem nummerierten Merkmal, üblicherweise an fünf Teilen
- Werkstoff- und Oberflächennachweise, Werkszeugnisse, Beschichtungsprüfungen
- Prozessfähigkeitsnachweise für besondere Merkmale
- Prüfmittelfähigkeit (MSA) für die eingesetzten Messmittel
- Prozessablaufplan, FMEA und Produktionslenkungsplan
- Freigaben zu Verpackung, Kennzeichnung und Logistik
- Musterteile, gekennzeichnet und rückverfolgbar zum Bericht
Die Reihenfolge ist kein Zufall: Alles ab dem Messprotokoll hängt daran, dass die Zeichnung sauber nummeriert ist. Stimmt die Nummerierung nicht, stimmt der ganze Rest nicht.
Der Schritt, an dem am meisten Zeit verloren geht
Das Nummerieren der Zeichnung – im Fachjargon Ballonieren – klingt nach fünf Minuten und dauert bei einem komplexen Zerspanteil regelmäßig eine Stunde. Jedes Maß, jede Toleranz, jede Form- und Lageangabe, jede Oberflächenangabe bekommt eine Nummer. Danach wird dieselbe Liste von Hand in Excel übertragen, damit die Messtechnik weiß, was sie prüfen soll.
Drei Dinge gehen dabei erfahrungsgemäß schief: Ein Merkmal wird übersehen und fällt erst beim Kunden auf. Nummern werden nachträglich gelöscht, wodurch Lücken in der Zählung entstehen und Zeichnung und Messprotokoll auseinanderlaufen. Und das Abtippen der Liste kostet noch einmal so viel Zeit wie das Nummerieren selbst.
Genau dafür haben wir ein kleines Werkzeug gebaut und stellen es kostenfrei zur Verfügung: Mit dem EMPB Stempler setzen Sie die Ballons mit zwei Klicks direkt auf der PDF-Zeichnung, laden die gestempelte Zeichnung als PDF herunter und bekommen die Merkmalsliste als Excel-Datei gleich dazu. Die Verarbeitung läuft vollständig in Ihrem Browser – die Zeichnung wird nirgendwo hochgeladen, was bei Kundenzeichnungen der entscheidende Punkt ist.
Fünf Fehler, die Bemusterungen scheitern lassen
- Muster aus der Vorserie. Teile, die nicht aus dem Serienprozess stammen, sind formal wertlos – auch wenn sie maßlich perfekt sind.
- Falscher Zeichnungsstand. Zwischen Angebot und Bemusterung liegen oft Monate und zwei Änderungsindizes. Vor dem Messen prüfen, nicht danach.
- Umfang nicht abgestimmt. Seit dem Wegfall der Vorlagestufen gibt es keinen Standardumfang. Wer nicht fragt, liefert zu viel oder zu wenig – beides kostet.
- Lücken in der Nummerierung. Merkmalsliste und ballonierte Zeichnung müssen eins zu eins zusammenpassen, sonst geht der Bericht zurück.
- Termin zu spät eingeplant. Der häufigste Fehler – und der teuerste.
Der blinde Fleck: Erstmuster sind ein Termin-Risiko
In den meisten Betrieben taucht die Erstbemusterung in keiner Planung auf. Sie steht im Projektplan des Kunden, im Kopf des QS-Verantwortlichen und in einer E-Mail – aber nicht in der Maschinenbelegung. Dabei bindet sie genau die Ressourcen, die auch die Serie braucht: Rüstzeit an der Maschine, den Messraum, den erfahrenen Einrichter.
Die Folge kennt jeder Fertigungsleiter: Das Erstmuster drängelt sich zwischen zwei Serienaufträge, der Messraum ist zwei Tage blockiert, und am Monatsende fragen sich alle, warum drei Liefertermine gerissen sind, obwohl „eigentlich nichts dazwischenkam“. Es kam etwas dazwischen. Es stand nur nirgends.
Wer Erstmuster wie einen Auftrag behandelt – mit Kapazitätsbedarf, Vorgänger-Nachfolger-Beziehung und Termin – sieht den Konflikt, bevor er entsteht. Genau dafür ist Plantrieb gebaut: eine individuell eingerichtete Produktionsplanungssoftware für kleine und mittelständische Fertigungsbetriebe, die Aufträge, Maschinen, Kapazitäten und Liefertermine in einer Planung zusammenführt – statt in zehn Excel-Tabellen, die niemand mehr synchron hält.
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Häufige Fragen zur Erstbemusterung
Wie viele Teile muss ich bemustern?
Üblich sind fünf Teile aus dem Serienprozess, an denen alle Merkmale gemessen werden. Verbindlich ist aber nur das, was Sie mit Ihrem Kunden vereinbart haben – bei aufwendigen Teilen sind auch drei möglich, bei sicherheitsrelevanten mehr.
Was ist der Unterschied zwischen EMPB und PPF-Bericht?
Inhaltlich dasselbe Dokument. „Erstmusterprüfbericht“ ist der eingebürgerte Begriff, „PPF-Bericht“ die aktuelle Bezeichnung nach VDA Band 2.
Reicht eine Excel-Vorlage aus dem Internet?
Für den Einstieg ja – viele Kunden geben ohnehin ihr eigenes Formular vor. Achten Sie darauf, dass die Merkmalsnummern im Formular exakt denen auf Ihrer ballonierten Zeichnung entsprechen. Genau daran scheitern die meisten Rückläufer.
Wie lange dauert eine Erstbemusterung?
Bei einem einfachen Drehteil ein halber Tag, bei einem komplexen Frästeil mit besonderen Merkmalen schnell mehrere Tage – Messraumzeit eingerechnet. Planen Sie sie wie einen Auftrag ein, nicht wie eine Nebentätigkeit.
Was passiert bei einer Abweichung?
Sie beantragen eine Abweichgenehmigung beim Kunden, befristet und mengenbegrenzt. Der kommende VDA Band 2 sieht dafür ausdrücklich abgestufte Bewertungen vor, statt nur zwischen bestanden und nicht bestanden zu unterscheiden.
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